Eiger Überschreitung über Mittellegigrat (06. – 07.08.2018)

Eigentlich war ich auf Badeweiher eingestellt, als Helmut anrief und sagte, er bräuchte noch einen Seilpartner für den Eiger. Sein Argument, momentan wären die Verhältnisse so gut wie schon lange nicht mehr, ließ mich aber nicht lange zögern und ich sagte zu. Drei Tage später stand er um drei Uhr früh vor meiner Tür und los gings Richtung Grindelwald im Berner Oberland. Mit im Auto saß noch ein dritter, dessen Name und Gesicht aber der Datenschutzverordnung zum Opfer gefallen sind.

Eine Überschreitung sollte es werden. Und zwar von der Haltestelle Eismeer der Jungfraubahn, zur Mittellegihütte. Dort würde man übernachten und am nächsten Tag in aller Früh weiter über den Mittellegigrat auf den Eiger steigen. Der Abstieg wäre dann über den Südgrat und die Eigerjöcher über das Mönchsjoch zum Jungfraujoch. Laut Beschreibung eine, wegen der Länge und Ausgesetztheit, schwere Bergtour, die alpine Erfahrung, absolute Trittsicherheit und ein gewisses Maß an Kletterkönnen erfordert.

Als wir am Montag um 9:30 Uhr in Grindelwald Grund ankamen und auf die Bahn zur Kleinen Scheideck warteten und keine weiteren Bergsteiger sahen, freuten wir uns schon auf viel Platz in der Hütte und freie Bahn an den Fixseilen der Route. Auf der Hinteren Scheideck steigt man dann um in die Jungfraubahn, die seit ihrer Eröffnung im Jahre 1912 täglich viele Touristen in einem durch schwere Handarbeit geschlagenen Tunnel durch den Eiger zum Jungfraujoch bringt. Allerdings stiegen wir bei der zweiten Haltestelle, Eismeer, aus und machten uns zu Fuß durch einen kleinen Seitentunnel auf den Weg zum Ausstiegsloch in der Südwand des Eigers, wo wir zum Kalligletscher abstiegen. Dies war der eigentliche Startpunkt unserer Tour. Den Gletscher überquerten wir angeseilt und der Einstieg zur Mittellegihütte war dank der vorhandenen Spur schnell gefunden. Nach dem passieren des Bergschrunds freuten wir uns schon auf die Kletterpartie. Allerdings packten wir nach 2 Seillängen das Seil wieder weg, weil ab hier seilfreies Klettern mit relativ vielen Gehpassagen möglich war. Erst jetzt bemerkten wir weitere Bergsteiger, die wie in einer Karawane etwa eine halbe Stunde hinter uns her zogen und ebenfalls zur Hütte drängten. Angesichts der Gewitterwolken, die schräg über uns aufzogen und sich auch schon akustisch durch grollenden Donner bemerkbar machten, war Eile geboten. Keiner wollte bei Regen die nassen Eigerplatten runterrutschen.

Die Mittellegihütte gehört zu den spektakulärsten Hütten der Alpen. Auf 3355 m Höhe steht sie sehr exponiert direkt auf dem Mittellegigrat und bietet Platz für 30 Gäste im Matratzenlager. Ansonsten ist sie aber recht spartanisch eingerichtet. Gegessen wird in 2 Schichten in der Wohnküche und die Wirtin schläft im kleinen Vorratsraum. Zum Zähneputzen steht Wasser in einem 10 L Kanister auf der Gartenbank vor der Hütte zur Verfügung.

Wegen des guten Wetterberichts für den Gipfeltag war die Hütte an diesem Abend ausgebucht. Damit am nächsten Morgen nicht alle gleichzeitig den Gipfelrun auf den schmalen Grat antraten, wurde am Abend noch die Frühstücksreihenfolge geregelt. Wir waren als Dreierseilschaft die potentiell langsamsten und wurden deshalb als letzter zum Frühstück eingeteilt. Die zahlreichen Bergführer mit ihren Kunden, als Zweierseilschaften am kurzen Seil gehend, bekamen den Vortritt.

Als wir dann um 5 Uhr aufstanden war die Hütte schon fast leer und wir konnten die vielen Stirnlampen beobachten die wie Glühwürmchen hintereinander langsam den Mittellegigrat hochzogen. Der Vorteil des späten Frühstücks war, daß es bereits hell war als wir um 5:45 Uhr losgingen. Am Grat wechseln sich Gehpassagen mit kurzen und längeren Aufschwüngen im II bis IV Schwierigkeitsgrad nach UIAA ab. Wobei einige der längeren schwierigen Stellen mit Fixseilen versichert sind. Bei den Kletterstellen gibts meistens nur zwei Borhaken. Einen unten und einen oben, weshalb mir im Vorstieg der Aufstieg allein schon wegen der Ausgesetztheit extreme Konzentration abverlangte. Am letzten Abschnitt des Aufstiegs, dem Firngrat, hatten wir dann nochmal einen atemberaubenden Einblick in die legendäre Eiger Nordwand. Das Gefühl, nur einen Stolperer von der 1900 Höhenmeter tiefer liegenden Kleinen Scheideck entfernt zu sein flößte mir größten Respekt vor dem Berg ein.

Für den Abstieg wählten wir nicht den Normalweg über die Westflanke, sondern den Südgrat über die Eigerjöcher. Diese Variante stellte sich nochmal genauso lang und schwierig dar wie der Aufstieg. Gehgelände über abwärtsgeschichtete, geröllbedeckte Felsplatten, wechselt sich ab mit Abseilstellen und teilweise extrem ausgesetzten Gegenaufschwüngen. Im Aufschwung nach dem nördlichen Eigerjoch mussten wir noch ein paarmal Steigeisen aufziehen um eine 50° Eisflanke und einen Firngrad zu passieren. Am südlichen Eigerjoch betritt man dann den Gletscher. Von hier gings dann noch in einem 1 1/2 stündigem Gletscherhatsch an der Mönchsjochhütte vorbei zum Sphinxstollen am Jungfraujoch, wo wir dann auch gerade rechtzeitig die letzte Bahn zurück nach Grindelwald erwischten. Wortlos, erschöpft aber mit einem zufriedenen Grinsen im Gesicht fuhren wir drei zurück ins Tal.

Bericht: Albert Amberger

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