Stubaier Hochgefühle (05-08.07.2018)

Zehn Hochtouristen machten sich am Donnerstag auf den Weg ins Stubai, um dort vom 05. Bis zum 08.07.18 die etwas höheren Berge zu besteigen. Gemeint sind damit der Freiger, der Pfaff und das Zuckerhütl. Nichts Gutes verhieß der Wetterbericht. Einige stellten schon die Frage nach einem Alternativprogramm. Gefahren wurde aber trotzdem. Die ganze Woche war das Wetter schön. Genau an diesem Wochenende sollte es sich umstellen. Genau an diesem Donnerstag.

Am Parkplatz an der Ranalter Strasse war noch genug Platz für unsere Autos. Jeder packte seine Sachen zusammen, schwer wogen die Rucksäcke. Die ganze Hochtourenausrüstung , einschließlich Seil, Steigeisen und Pickel, sowie alles Persönliche für die nächsten Tage musste darin Platz finden. Anhand einer Übersichtstafel erklärte ich nochmals den Plan für die nächsten Tage. Für heute war nur der Aufstieg zu Hütte geplant. Schließlich hatte die Anfahrt auch schon einige Zeit in Anspruch genommen und es war bereits Mittag. Zügig marschierten wir in zwei Stunden, vorbei an der Sulzenaualm, hinauf zur Hütte. Mit dem Eintreffen dort, kam dann das schlechte Wetter. Es begann zu regnen. Die Wolken hingen tief, so dass man leider nicht viel von der Umgebung sah. Die freundlichen Wirtsleute gaben uns gleich unsere Zimmer und wir konnten erstmal unsere Sachen ablegen. Hunger und Durst trieben uns bald hinunter in die Wirtsstube. Gleich wurde die Küche ausprobiert. Richtig zu essen gab es aber erst ab 18:00 Uhr. Sich auf der Hütte herumzudrücken war nicht gerade das was man sich bei einer Bergtour erträumt. Lediglich zwei von uns zog es trotz des schlechten Wetters nach draußen.

Am Abend wurde die weitere Planung für die nächsten Tage besprochen. Es sollte hinübergehen zur Müllerhütte und am nächsten Tag von dort hinauf zum Pfaff, zum Zuckerhütl und über den Sulzenau-, oder Fernauferner wieder zurück zur Sulzenauhütte. Da es sich dabei um schwierige Wege im 2. Grad mit spaltenreichen Gletschern handelte, wäre man auf gutes Wetter angewiesen. Deshalb wollten wir das weitere Vorgehen immer an einem Checkpunkt abstimmen.

Es hatte die ganze Nacht geregnet und die Wolken hingen tief. Der Regen hatte zumindest nach dem Frühstück aufgehört und die Wolken hoben sich etwas. So gingen wir los. Immer das nächste Nahziel vor Augen. Der Grünausee, dann die Seescharte. Immer wieder hüllten uns Wolkenfetzen ein, rissen wieder auf und gaben Blicke auf die umliegenden Felswände und Firnflanken frei.  Kurz nach dem Gamsspitzl begegneten wir einer Gruppe, die von der Müller Hütte herüber kam. Bei einem Gespräch, erzählten sie uns, dass es oben am Grat ziemlich stark stürmte und graupelte. Im weiteren Verlauf ebenso auf dem Übeltalgletscher.

Wir gingen zunächst weiter. Als wir dann den Grat vor dem Grüblerferner betraten, begann es zu schneien. Zusätzlich wurden wir immer öfter von Wolken eingehüllt und der Wind wurde immer heftiger. Keine guten Aussichten. Schließlich kamen wir zu einer Stelle, an der wir den Grübelferner betreten mussten. Vor uns lag ein steiles Firn-/Eisfeld. Es waren zwar Begehungsspuren zu sehen, jedoch war wegen Nebels nicht ganz klar, wie steil und eventuell eisig der weitere Weg verlaufen würde. Wir zogen uns zunächst an eine geschützte Stelle am Grat zurück. Denn der Wind war nun ziemlich stark und der Graupel war in Schneetreiben übergegangen. Wir waren auf 3130 Meter. Nicht mehr weit bis zum Signalkopf. Aus Sicherheitsgründen hätte ich die Gletscherausrüstung angezogen. Doch an einer günstigeren Stelle hatten wir das Vorbereiten unterlassen. Es würde uns jetzt mindestens eine halbe Stunde kosten, bis alle die Steigeisen anhatten.

Nun berieten wir unsere Situation. Checkpoint! Von der Zeit her hatten wir schätzungsweise noch ca. 3,5 Std. bis zur Hütte vor uns. Hinzu kam jetzt noch die Wegfindung. Wenn das Wetter nicht besser würde müssten wir uns am Gletscher ausschließlich auf unser GPS-Gerät verlassen. Nebel und Schneetreiben würden die Orientierung schwer machen und zusätzlich Zeit kosten. Eine weitere Überlegung war, wie es am nächsten Tag weiter ginge. Der Wetterbericht sagte erst für den Nachmittag des nächsten Tages eine langsame Wetterbesserung. Damit wäre ein Aufstieg über den Pfaffengrat und weiter zum Zuckerhütl mehr als in Frage gestanden. Es bliebe uns nur, auf dem Gletscherweg wieder per GPS zurück zu schleichen. Bei schlechtem Wetter sitzt man auf der Müllerhütte leider in der Falle. Schweren Herzens entschieden wir uns für die Umkehr. An einer Stelle am Grat hatten wir Handyverbindung, so dass ich die Müllerhütte anrufen konnte um Bescheid zu geben. Die Wirtin bestätigte, dass es wegen des Schneesturms nur schwer möglich war sie zu erreichen. Also doch Schneesturm am Gletscher. Richtige Entscheidung.

Einen großen Teil des Wegs zurück, hatten wir Schnee, Regen, Nieselregen. Entsprechend feucht waren unsere Sachen und wir hofften auf der Sulzenauhütte noch einen Platz zu bekommen. Wir hatten ja erst wieder für den nächsten Tag gebucht. In einem Vorgespräch sagte uns die Wirtin, dass sie für den Tag schon ziemlich ausgebucht seien, aber wenn wir nicht rüber kommen, dann wird sie uns schon irgendwie unterbringen. An Tagen, an denen der Wetterbericht nicht so gut ist, kommen auch viele Absagen rein, so dass wieder Plätze frei werden. So war es dann auch. Wir wurden zwar auf verschiedene Lager und Zimmer aufgeteilt, aber alle hatten einen Platz.

Nach einem weiteren guten Abendessen, die Küche ist ausgezeichnet, berieten wir uns für den nächsten Tag. Da es heute schon eine ziemlich anstrengende Tour war, hatten einige keine Lust, das ganze Gerödel nochmal durch die Landschaft zu schleppen. Ein nochmaliger Anstieg zur Müllerhütte unter voller Ausnutzung des Reservetags war damit nicht von Begeisterung gekrönt. Zwei Vorschläge kristallisierten sich jedoch als brauchbar heraus. Trennung in zwei Gruppen. Die Eine sollte mit mir zum Gr. Trögeler gehen, während die Andere früher startete, um über das Peiljoch zur Dresdner Hütte und zur Mittelstation der Bergbahn hinüber zu gehen. Von dort könnten sie bis zum Eisgrat auffahren und über die Heinrich-Klier-Route hinüber zum Pfaffenjoch wechseln und wenigstens von dort auf das Zuckerhütl steigen. Diese Aktion wollten Manne, Diana, Sabine und Jochen durchführen. Alle anderen wollten zum Gr. Trögeler.

Das Wetter am nächsten Tag begann wieder mit Regen und tiefen Wolken. Die erste Gruppe war schon weg. Ich überlegte lange, ob eine Unternehmung bei diesen Bedingungen überhaupt Sinn machte. Aber im Sinne einer rollenden Planung gingen wir es doch an. Umkehren konnten wir ja immer noch. Wolkenfetzen zauberten eine mystische Stimmung in die Landschaft. Irgendwann ging es zwischen glatten, nassen Felsen und nassem Gras steil bergauf. Plötzlich standen wir vor Drahtseilsicherungen und Gitterrosten als Steighilfen. Alles unangenehm nass, rutschig und ausgesetzt. An solchen Tagen bin ich nicht sehr risikofreudig und überlegte, ob wir lieber umkehren. Doch die Stelle war nur kurz und dann ging es wieder sicherer weiter. Das Wetter wurde nicht besser, als wir das Peiljoch erreichten. Dort stehen hunderte von „Stoamandln“, denen die Wolkenfetzen einen ganz besonderen Zauber verliehen. Es war ein Platz, der allemal für eine Brotzeit gut war. Allerdings nicht lange, denn der Nebel und die Nässe waren auch kalt. Drüben ging es dann erstmal zweihundert Höhenmeter hinunter. Die ersten Meter am Stahlseil. Allerdings weit weniger ausgesetzt.

Unten angekommen überlegten wir kurz, ob wir nur zur Dresdner Hütte gehen sollten, oder doch auf den Trögeler. Wir entschieden uns alle für den Trögeler. Bei einer weiteren Pause entdeckte ich, dass sich meine Schuhsohlen begannen abzulösen. Gott sei Dank hatten meine Kameraden einige Kabelbinder dabei und auch eine Ahnung, wie sie diese jetzt einsetzen konnten. Mit gemischten Gefühlen ging ich weiter, aber das Konstrukt hielt gut (Vielen Dank an die Sepps und den Alfred). So erreichten wir den Gipfel mit 2902 m. Zwischendurch war auch das Wetter etwas besser geworden. Es hatte aufgehört zu regnen und die Wolken rissen immer wieder auseinander. So konnten wir zwischen ein paar Lücken hindurch luren und einige schöne Ausblicke auf die grandiose Berg- und Gletscherwelt einsammeln. Da eine Überschreitung über einen ziemlich ausgesetzten Grat und später laut Karte über sehr steile Felsflanken verlaufen würde, entschied ich, doch besser wieder den Aufstiegsweg zu nehmen, zumal das Wetter noch nicht sehr stabil schien. Dass die Entscheidung noch in anderer Hinsicht gut war, stellte sich unten an der Abzweigung heraus. Genau dort trafen wir auf die anderen Vier von unserer Gruppe. Besser hätte man es nicht ausmachen können.

Sie erzählten uns, dass sie ihr Ziel nicht erreicht hatten. Nach der Auffahrt standen sie im Nebel. Ein Bergführer sagte ihnen bereits in der Seilbahn, dass es schwierig sein wird die Route zu finden, da sie nicht ausgeschildert ist. Nach einigem Suchen fanden sie allerdings einen Weg, dem sie folgten. Dieser führte zwar nicht zur Klierroute und zum Pfaffenjoch, sondern schnurstracks auf die Schaufelspitze mit 3332 m. Ein beachtlicher Gipfelerfolg für die Vier. Der Abstieg erfolgte über den spaltenarmen Fernauferner, der alsbald in ein Geröllfeld übergeht. Von der Mittelstation ging es dann wieder zurück zum Peiljoch, wo sie kurz unterhalb auf uns trafen. Gemeinsam ging es nun wieder über das Joch. Auf der anderen Seite wählten wir aber dann den Wilde-Wasser-Weg, der eindrucksvoll an Gletscherseen und Wasserfällen vorbei führt. Auch dieser Tag war sehr ausgefüllt und wir kamen fast noch pünktlich zurück zur Hütte. Die Wirtin wartete nämlich schon auf uns und trieb uns an. Der Koch rückte nämlich erst das Essen heraus wenn alle Gäste da waren. So lange mussten alle auf uns warten. Gott sei Dank waren es nur zehn Minuten.

Der letzte Tag. Wie zum Spott war das Wetter gut und die Berge waren frei. Wir überlegten was wir noch unternehmen könnten, entschieden uns aber dann doch für den Abstieg, da wir noch eine weite Strecke zu fahren hatten. Auf der Sulzenaualm kehrten wir allerdings nochmal auf einen Kaffee ein um die herrliche Umgebung und die frische Bergluft zu genießen. Die Hütte ist sehenswert. Dort hat Einer mit zahlreichen Schnitzereien ein tolles, künstlerisches Gesamtensemble kreiert. Zuletzt schlenderten wir die Fortsetzung des Wilde-Wasser-Wegs hinunter. Ein kunstvoll angelegter Weg, der Touristen über unzählige Holzbohlen, sicher am Wasserfall entlang, von einem spektakulären Ausblick zum nächsten führt.

Das Stubaital verließen wir mit vielen Eindrücken. Wir waren viel unterwegs, haben tolle Wege beschritten, zwischendurch herrliche Ausblicke genossen, leider nicht alles erreicht und trotzdem ausgefüllte Tage gehabt. Es hätte schlechter sein können.

Text: Sepp Zwinger

Fotos mit Genehmigung der abgebildeten Personen

Fotos von:
Diana Veitenhansl , Jochen Heindl, Alfred Blohberger, Sepp Zwinger

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