Skihochtourenwoche im Parc national des Écrins (Dauphiné) vom 9. bis 16. April 2022

Zweimal bereits musste die Fahrt in die Dauphiné wegen Corona ausfallen, aber nun, auf den dritten Anlauf, war es endlich soweit: Drei Autos aus der Straubinger Gegend machten sich auf den Weg in die südlichen französischen Alpen. Kurzfristig waren noch vier der fünfzehn Skitourengeher ausgefallen, darunter leider auch die zwei anderen „Mädels“, so dass ich allein für die Frauenquote zuständig war. Denn bekanntlich ist es statistisch erwiesen, dass auf Skitouren in Begleitung des weiblichen Geschlechts wesentlich weniger Lawinenunfälle passieren.

Nach elf Stunden Fahrt landeten zwei Autos fast zeitgleich in dem verschlafenen Bergdörfchen Villar-d’Arêne in unmittelbarer Nähe des Skiortes La Grave. Ironischerweise kam der dritte Wagen, der sich von Wiggerl’s Prophezeiungen über stundenlange Staus zu Beginn der Osterferien verunsichern lassen hat und deshalb eine Stunde früher gestartet ist, erst viel später an. Sie hatten eine andere Route gewählt, die sich als eher ungünstig erwiesen hat. Übrigens, Wiggerl ist mein „kleiner“ Bruder aus Rosenheim.

Am folgenden Morgen machten wir uns auf zu unserem ersten Quartier, dem Refuge de l’Alpe de Villar-d’Arêne, das wir nach nur 400 hm bald erreicht hatten. Dort deponierten wir zuerst mal alles überflüssige Gepäck im Lager und stiegen dann weiter auf, quasi als Erkundungstour. Nach weiteren 700 hm, zunächst eher flach das Tal hinauf, dann rechts abbiegend etwas steiler hinauf, konnten wir uns endlich ein Bild von der Breche de la Plate Agneaux machen, die wir am folgenden Tag bezwingen wollten. Den restlichen Nachmittag verbrachten wir bei Kaffee und Kuchen, Panaché (= Radler) oder Bier – je nach Gusto – auf der sonnigen Hüttenterrasse.

Da die Breche ziemlich steil war, und das bei Lawinenstufe 3, und die Temperaturen im Tagesverlauf recht steigen sollten, marschierten wir am nächsten Tag bereits um 6 Uhr los, im Dunklen und mit Stirnlampe bewaffnet (so man denn eine dabei hatte). Eine knappe halbe Stunde später tauchten schon die ersten Sonnenstrahlen hinter den Gipfeln auf, tauchten diese in ein intensives Alpenglühen, und bald konnten wir die Lampen im Rucksack verstauen. Ehe wir uns versahen, waren wir auch schon unterhalb der Scharte und stiegen in vielen Spitzkehren auf. Innerhalb kürzester Zeit wurde der Schnee jedoch plötzlich richtig nass, erste Schneekugeln kamen von oberhalb runtergerollt, und als Till und Markus beim Anlegen der Steigeisen bis zur Hüfte im Schnee versanken, war klar, dass wir trotz des frühen Aufbruchs viel zu spät dran waren. Nun war guter Rat teuer, denn die nächsten Tage sollten die Temperaturen weiter steigen, so dass dieser Übergang für uns nicht mehr machbar war. Zunächst stiegen wir aber noch die rechts gelegene Scharte hoch, um auf dem jenseitigen Hang zur Hütte abzufahren. Von diesem hatten Christian, Jupp, Markus, Till und Wiggerl bereits am Vortag geschwärmt. Leider hat die Schneedecke schon etwas unter der Wärme gelitten, aber ein paar schöne Schwünge waren schon noch drin. Insgesamt haben wir dann ca. 1000 hm zurückgelegt.

Zurück im Refuge, ging’s dann ans Planen und Überlegen. Unseren ursprünglichen Plan, auf drei Tage verteilt über den Col Émile (3.483 m) zum Refuge du Glacier Blanc zu gelangen, von dort auf den Dôme du Neige aufzusteigen und anderntags über den Glacier Noir und den Col de la Temple nach La Bérarde abzufahren, konnten wir wegen der ungünstigen Schneeverhältnisse streichen. Stattdessen würden wir am Dienstag auf die Grande Ruine (3.765 m) steigen und am darauffolgenden Tag versuchen, über eine andere Route La Bérarde zu erreichen. Zum Glück nahm uns die Hüttenwirtin noch für zwei weitere Nächte auf, unter der Bedingung, dass wir nach dem Abendessen in der Küche beim Abspülen helfen. Natürlich haben sich da ein paar Freiwillige gefunden.

So starteten wir am Dienstagfrüh wieder mit der Hirnbirn, diesmal die Skier geschultert, weil es von der Hütte aus zuerst einen recht schneearmen Hang hinunter ging. Nach ein paar hundert Metern verzweigte sich das Bachtal und wir bogen links ab in Richtung des Glacier de la Plate des Agneaux. Von dort führte der Anstieg rechts eine schmale und eisige Rinne hoch. Bald legten wir deshalb die Harscheisen an. Nach einiger Zeit tauchte auf einem Vorsprung das Refuge Adèle Planchard auf, das wir aber rechts liegen ließen. Die weiten Hänge unterhalb der „Großen Ruine“ zogen sich, ich hangelte mich von einer Spitzkehre zur nächsten. Irgendwann hatte ich dann doch noch das Ziel vor Augen und konnte so meine verbliebenen Kräfte für die letzten Höhenmeter bündeln. Gipfelglück war uns leider nicht beschert, unser Aufstieg endete unterhalb der Felsen des Gipfelaufbaus. Die Abfahrt war dann auch eher durchwachsen, weil der Schnee mittlerweile ziemlich nass war. Gerade die morgens noch eisige Rinne war nicht wiederzuerkennen, denn jetzt versanken wir fast im durchnässten Schnee. Jetzt nur noch das lange Tal raus und die letzten Höhenmeter zur Hütte die Skier hochtragen! Alles zusammen hatten wir an diesem Tag 1.700 hm zurückgelegt. Da schmeckte dann abends der Vin Rouge und das Chili con/sin carne besonders gut.

Am Mittwoch trennten sich unsere Wege. Christian, Jupp, Markus und Till wollten sich den Dôme de Neige mit seinen 4.015 m nicht nehmen lassen. Sie stiegen ab nach Villar-d’Arêne, fuhren mit dem Auto nach Ailefroide ins Nachbartal, um dann von Süden zum Refuge du Glacier Blanc (2.542 m) aufzusteigen.

Die restlichen Sieben machten sich auf den Weg nach La Bérarde, zunächst wieder den Hang von der Hütte aus zu Fuß runter ins breite Bachtal und dann bei der Gabelung rechts sanft ansteigend hoch zum Col du Clot des Cavalles (3.158 m). Die Anstrengungen des Vortags waren vergessen, die Sonne strahlte vom azurblauen Himmel, wir waren in angenehmem Tempo bei gemäßigter Steigung in traumhafter Kulisse unterwegs, unser für heute höchster Punkt in greifbarer Sichtweite, dann nur noch gemütlich abfahren … Weit gefehlt! Am Col, nach rund 1.100 hm Aufstieg, blickten wir auf der anderen Seite in eine schmale, hart gefrorene und sehr steile Rinne. Lange standen wir oben und überlegten, wie wir da runter sollten. Letztendlich schnallten wir die Steigeisen an, nahmen den Pickel in die Hand und los ging’s, 250 hm konzentriertes Absteigen. Kurz genossen wir den schönen Hang darunter, bevor die Routenfindung immer schwieriger wurde durch einige Felspassagen. Mitunter konnten wir einer Aufstiegspur folgen, dann mussten wir einen Felsriegel kletternd, mit den Skiern auf dem Rücken, überwinden, um durch vollkommen durchfeuchteten Schnee ins nächste Tal zu gelangen. Einen riesigen Lawinenkegel galt es noch zu überwinden, bevor wir Richtung La Bérarde hinunterrutschten, immer eine weiße Spur suchend zwischen den sich häufenden schneefreien Stellen. Aber was für ein landschaftlich atemberaubendes Tal das war! Ein Seitental gab dann den Blick frei auf den Dôme de Neige, auf den die anderen Vier am Folgetag hinauf wollten. Ab hier war dann auch Schluss mit dem Schnee. Da wir am kommenden Tag ohnehin denselben Weg wieder hinauf mussten, deponierten wir unsere Ausrüstung hinter Felsen und Gestrüpp und marschierten mit leichtem Gepäck die letzten Meter nach La Bérarde zum Chalet Alpin. Dort entledigten wir uns erstmal unserer Stiefel und gönnten uns ein Panaché. Bis kurz vorm Abendessen genossen wir noch – frisch geduscht – das tolle Panorama auf der Terrasse.

Am nächsten Tag, bereits der Donnerstag, war der Anstieg zum Refuge du Promontoire geplant, das auf über 3.000 m liegt. Die ursprünglich für Freitag geplante Route war jedoch – wieder mal – nicht durchführbar, da die Passage vom Glacier de la Meije zum Glacier du Tabuchet nicht möglich war. Unsere Wirtin hatte uns geraten, über die Brêche du Rateau auf den Glacier de la Selle und von dort über den Col de la Girose ins Skigebiet von La Grave zu gelangen. Auf halber Strecke zur Promontoire Hütte liegt das Refuge du Chatelleret (2.225 m), dort wollten wir auf Kaffee und Kuchen einkehren und uns nochmal schlau machen. Also zu Fuß zu unserem Depot, alles wieder verstaut und weiter hoch. Die Chatelleret Hütte wird von nur einem Hüttenwirt im Alleingang bewirtschaftet, und das ganz ohne fließendes Wasser! Aufgrund dessen Info, dass die Brêche du Rateau nur über ein längeres Abseilstück zu überwinden sei, das mit einem zu großen Zeitaufwand verbunden wäre, entschieden wir uns letztendlich für den „leichten“ Übergang Col du Replat (3.335 m), dessen Zustieg direkt beim Refuge du Chatelleret auf beginnt. Somit stornierten wir auch die Übernachtung in der Promontoire. Hinauf wollten wir aber auf jeden Fall und uns diese „größere Biwakschachtel“ auf dem Felsen in luftiger Höhe anschauen. Laut Hüttenwirt sollten wir jedoch spätestens um 13 Uhr abfahren. Leider standen wir um diese Zeit einige Höhenmeter unterhalb des Refuge du Promontoire und fragten uns, wie wir diesen steilen Hang mit kaum erkennbarer Spur durch große Schneebrocken überhaupt hochkommen sollten. So fellten wir ab nach 1.200 hm und verzichteten auf den Hüttenbesuch. Bergab hatten wir noch Glück, denn zwei Drittel der Abfahrt ging’s durch wunderbaren Firn. Den Rest des gerade mal angebrochenen Nachmittags verbrachten wir im Liegestuhl auf der Terrasse der Chatelleret in Traumkulisse, beim besten Käseomelett ever sowie Kaffee und Muffins.

Am Freitag hieß es dann: Sehr früh aufstehen, denn wir mussten den Col de la Girose (3.510 m) noch rechtzeitig erreichen. Abmarsch war bereits um 5:15 Uhr, mit Steigeisen, die Skier auf dem Rücken, den steilen Hang hinauf. Bis zum Col du Replat mussten wir die Steigeisen noch zweimal anlegen, dazwischen waren Harscheisen ob des harten Schnees auch noch ziemlich hilfreich. Oben eröffnete sich uns der Blick auf einen weiten Kessel und gegenüber unser letzter Übergang, der Col de la Girose. Nach einer kurzen Abfahrt über bockharten Schnee dann eine ewig lange Querung. Linker Ski vor, rechter Ski vor, links, rechts, immer im gleichen Rhythmus. Fünf Minuten, zehn Minuten, eine halbe Stunde – irgendwann war jegliches Zeitgefühl futsch. Einfach Hirn ausschalten und gehen. Bis mich die erste Spitzkehre aus meiner Lethargie riss. Noch ein paar Höhenmeter, die allerletzten Vorräte verdrückt, Steigeisen angelegt und losgepickelt. Der Col war lang und steil, aber die Aussicht darauf, es geschafft zu haben und einfach nur noch abfahren zu müssen, lässt einen die letzten Kräfte mobilisieren. Oben nach insgesamt 1.500 hm angelangt, stiegen die meisten dann noch seitlich zu ein paar Felsen hoch, um ein bisschen Gipfelfeeling zu haben. Wir haben diese Woche zwar sehr viele Höhenmeter zurückgelegt, aber keinen einzigen Gipfel bezwungen. Dann endlich die Abfahrt, zuerst steil und hart, danach aber ein herrlicher, aufgefirnter Hang. An der Bergstation gab es Radler und Pizza, bevor wir über die Skipiste bis zur Mittelstation abfuhren und von dort mit der Gondel talwärts rauschten.

In La Grave holten uns dann die 4 „Abtrünnigen“ ab und berichteten uns von ihrer Besteigung: „Nach Auskunft des Hüttenwirts war der Dôme de Neige des Écrins mit seinen 4.015 m in dieser Saison erst ein einziges Mal bezwungen worden, da sich auch hier die Schneelage vergleichsweise schwierig gestaltete und großflächige Blankeis-Passagen die Schwierigkeit erhöhten. Nach eingehender Lagebesprechung entschieden sich die vier Bergsteiger trotzdem zu dem ambitionierten Gipfelversuch.
Um 4 Uhr starte das Quartett in den Tag, wobei sich nach kurzer Strecke ein erster Rückschlag ereignete: Eine Skitourenbindung brach gleich im ersten Anstieg aus und machte den Ski unbrauchbar - für Markus bedeutete dies leider das Ende der Tour. Glück im Unglück - der gleiche Vorfall hätte in ausgesetztem Gelände zu einem alpinen Notfall führen können. Die Gruppe zog nun zu Dritt weiter über den kilometerlangen Glacier Blanc und traf nach etwa 3 Stunden und 800 Hm am Fuß des Barres des Écrins ein. Haushohe Eisabbrüche und mächtige Gleschermäuler lassen die
Ostseite des gewaltigen Massives respekteinflößend und beeindruckend erscheinen. Das Trio fand einen geeigneten Weg durch die untere Serac-Zone, wobei sich die drei Tage alten Spuren der Erstbesteiger als hilfreich erwiesen. Bei 3700 m wurden angesichts einer steilen Schneepassage die Ski an den Rucksack geschnallt und die Steigeisen angelegt. Kurz darauf wurde die Wand noch steiler und blankes Eis bildete eine weiter Hürde, die es zu überwinden galt. Ohne Eispickel und
geeignete Steigeisen wäre hier zwangsläufig das Ende der Tour gewesen. Noch schwieriger gestaltete sich wenig später eine steile Schneerinne, gefolgt von einer erneuten Blankeis-Flanke, beides direkt über einer gewaltigen Gletscherspalte. Hier sicherte sich die Gruppe mit dem Seil
und mehreren Eisschrauben ab und konnte auch diese Herausforderung meistern. Damit war der obere Bereich der terrassenförmigen Wand erreicht und es ging - nun wieder auf Ski - unter dem felsigen Gipfelgrat nach rechts unter die Scharte Brèche Lory bei 3.900 m. Hier wurde ein Skidepot eingerichtet und erneut auf Steigeisen umgerüstet. Gegen Mittag erreichten Christian, Jupp und Till
den Gipfel des Dôme de Neige auf 4.015 m und erfreuten sich an dem unbeschreiblichen Ausblick über die Westalpen.
Der Abstieg gestaltete sich nicht minder anspruchsvoll und forderte nochmal volle Konzentration. Zum Abseilen über die Eisflanken leisteten die beiden mitgeführten Seile wertvolle Dienste. Trotz des nötigen Respekts für den zerklüfteten Hang gelang nach Überwinden der Schlüsselstellen eine schöne Abfahrt durch den fast unberührten Schnee. Die lange Querung des Gletschers war mit den Ski rasch absolviert und gegen 15 Uhr erreichten die Drei ihre Hütte - erschöpft aber glücklich. Auf der sonnigen Terrasse wurden die müden Glieder gestreckt und auf den Erfolg angestoßen - nach zwei coronabedingt mageren Wintern war die Tour ein besonders schönes Erlebnis.

Am Folgetag stand noch eine kräfteschonende Vormittagstour, gekrönt von einer herrlichen Firnabfahrt über 600 Hm, auf dem Programm, bevor das Quartett mit geschulterten Skiern ins Tal abstieg und am Nachmittag wieder auf die restliche Gruppe stieß.“ (Till Hauptmann)

Eine schöne, aber auch abenteuerliche und anstrengende Woche ging zu Ende. Obwohl wir aufgrund der Bedingungen nicht unseren ursprünglichen Plan durchziehen konnten, war ein jeder mit dem Erreichten mehr als zufrieden, die einen hatten den Dôme du Neige bezwungen, die anderen waren doch noch zu einer Durchquerung, wenn auch in etwas anderer Form, gekommen. Bei der Heimfahrt am Samstag hat sicherlich der ein oder andere Pläne geschmiedet, noch einmal in dieses herrliche Fleckchen Erde zurückzukommen …

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